Donnerstag, 13. August 2009

Warum bin ich eigentlich nicht Autohändler geworden?

So lautete der vielgeäußerte Satz meines gymnasialen Deutschlehrers.

Diese Frage stelle ich mir auch, allerdings in geringer Abwandlung und dies nicht nur, weil ich glaube, daß der Job eines Autoverkäufers (gerade in momentanen Zeiten) nicht unbedingt rosiger ist, als der meine.

Aber: Warum bin ich eigentlich nicht Anästhesist geworden???

Jetzt mag es bestimmt einige Anästhesisten geben, die diesen Blog hier mitlesen (würde mich freuen), deswegen möchte ich eines vorausschicken: Es geht hier nicht um eine verallgemeinerte Darstellung oder Verunglimpfung der Anästhesie, sondern um die Anästhesie, wie ich sie tagtäglich erleben kann/darf/muss.

Unsere Anästhesisten sind nämlich echte Freizeitkünstler. Immer ganz arg drauf bedacht, für die Pause ausgelöst zu werden und pünktlichst zu gehen. Da spricht der Neid aus mir, ganz klar, aber muss man das auf dem Rücken der anderen Abteilungen austragen?
Nur damit ein Anästhesistenteam pünktlich gehen kann, werden chirurgische Säle (trotz unsererseits vorhandenem Willen und äquiv. Personaldecke beiderseits) geschlossen, NUR damit dieser eine kleine 45 min. Punkt dann von einem Chirurgen in dessen Freizeit, ganze 4 (!!!) Stunden nach dessen regulärer Dienstzeit abgearbeitet werden kann. Wieso ist sowas erlaubt?
Da wäre es doch einfacher gewesen, ein einzelner Anästhesist wäre 45-60 Minuten länger geblieben. Als der Saal geschlossen wurde, war es noch 1,5 Stunden bis zu deren Dienstschluss.

Gestern im OP wollte ich, daß der Tisch höhergestellt wird. Anästhesie dreimal angesprochen und beim dritten Mal ohne Reaktion es mal zum Äußersten kommen lassen und hinters Tuch geguckt. Die hat geschlafen!! So richtig! Im Sitzen auf ihrem Stuhl. Da war ich echt baff. Andererseits, verständlich, wenn man soviel in seiner Freizeit unternehmen kann, da muss man ja bei der Arbeit müde sein.

Die Anästhesisten mosern sofort lauthals rum, wenn die Chirurgen nicht überpünktlich zum Lagern kommen, das wird alles genau dokumentiert. Aber wenn ein Chirurg über 30 Minuten auf den Sitz der Narkose warten muss, ist das was ganz anderes. Sowas muss man nicht erfassen. Hauptsache, ich habe holterdipolter alles auf Station liegen lassen, weil ich ja SOFORT in den OP zum Lagern kommen muss. Die Überstunden hänge ich im Dienst des Patienten gerne dran.
Von Anrufen, wenn es paßt zu kommen, haben die auch noch nix gehört. Verzeihung, doch haben sie, ist ihnen aber zuviel Arbeit.

Diese Liste könnte ich wahrscheinlich noch sehr lange fortsetzen, das waren immerhin nur die Vorkommnisse dieser Woche (und heute ist erst Donnerstag).

Aber ich bin ja auch noch die Antwort auf die Eingangsfrage bzw. deren abgewandelte Form schuldig:

Weil ich keinen Job haben möchte, bei dem ich weiß, daß alle anderen mich entweder hassen, über mich lachen oder als Freizeittäter beschimpfen. Außerdem will ich was bewirken, aktiv manuell tätig werden, und nicht nur danebensitzen und zusehen (wenn sie denn nicht schlafen, ich fasse es immer noch nicht), wie andere die spannende Arbeit machen. Das könnte ich gar nicht.
Das wäre mir ein 08/15 Job wohl doch nicht wert.

Doc Blog

Der Morgen wieder bis utze im OP stehen wird, vielleicht drüber jammern wird, aber im Grunde doch froh ist, den coolsten aller medizinischen Jobs gewählt zu haben.

Einzig bleibt die Frage, ob ein nichtmedizinischer Job (nicht à la Autohändler) allerdings nicht die schlauere Wahl gewesen wäre.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Huiuiui...
Na dann sei hiermit mal die Schlacht eröffnet;-)

dienstarzt hat gesagt…

Ohne jede Polemik kann man eigentlich nur feststellen, dass die Anästhesisten in Eurer Klinik professioneller sind als die Chirurgen. Denn einer der Gründe, warum das deutsche System so krank ist, ist eben auch, dass die Mehrzahl der Ärzte vergessen hat, was Professionalität bedeutet: Sich nicht unter Wert verkaufen, Sicherheitsstandards auch einzuhalten und das kranke System nicht auch noch auf dem Rücken der persönlichen Belastungsfähigkeit zu subventionieren.
Von daher verstehe ich Deine persönliche Frustration, auf der falschen Seite der Blut-Hirn-Schranke zu stehen, aber das Problem seid ihr selbst, sorry.

Anonym hat gesagt…

Ich kann meinem Vorredner nur beipflichten. Ein Chirurg, der noch immer denkt, dass er das Mass aller Dinge im gesamten perioperativen Prozess ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt und steht soweit ich weiss langsam auf der Liste der aussterbenden Arten. Gefragt ist gutes Prozessmanagement,und das ist mehr als gute Patientenversorgung, die als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Gutes Prozessmanagement schliesst den adäquaten Umgang mit Personal und Material ein und ist gerade in Zeiten knapper personeller Resourcen ein Muss. Leider denken einige der schneidenden Kollegen nur an "ihren" Fall und bedenken auch nicht, dass sie sich im OP in einer komplexen Organisation bewegen,die sich leider nicht immer an einzelnen Ego's ausrichten kann.

Anonym hat gesagt…

Interessant wie sich Vorurteile (und ich meine die gegenüber Chirurgen) sich in Wirklichkeit bestätigen.

Irgendwann wird auch die aufschneidende Zunft lernen was andere Fachrichtungen schon längst begriffen haben: Medizin ist keine Solistennummer und Teamwork nötiger den je.

Aber hey, jrgendjemand muss ja Medizin machen während ihr Leben rettet.

Doc Blog hat gesagt…

Hmm, eigentlich sehe ich mich hier nicht als Solist irgendeiner Art, sondern bin mir wohl bewußt, daß ohne Anästhesie nichts laufen würde und sicherlich eine adäquate Narkose Grundvoraussetzung für mein Tun ist.

Was ich aber absolut nicht nachvollziehen kann, ist, daß immer stilschweigend vorausgesetzt wird, daß wir den Part der "Dummen" akzeptieren.
Wenn der Saal zugemacht wird, ist doch egal, dann operieren die Chirurgen eben spätabends, sind ja eh immer lange da.

Die Einleitung dauert länger, vollkommen ok, aber von uns zu erwarten, daß wir einfach im Saal rumsitzen und warten, daß es losgeht? Finde ich in Anbetracht der Tatsache, daß es echt eine Menge zu tun gibt, viel verlangt. Es spricht doch nix dagegen, mir Bescheid zu sagen, wenn es länger dauert, und dann bin ich in 5 Minuten da.

Und natürlich bin ich neidisch. Darüber, daß ich offensichtlich in einem Fach arbeite, wo das Umsetzen von Schichtdiensten, Pausenablösungen, pünktlichem Feierabend ud Vermeiden von Überstunden nicht immer so leicht zu handeln ist, wie bei der Anästhesie. Wer die Narkose macht, erscheint mir egaler, als wer operiert. Da kann eben nicht mittendrin der Operateur ausgetauscht werden.

Was mich daran aber v. a. ärgert ist eben, daß diese Situation von unseren Anästhesisten gerne ausgenutzt wird. Wie ein Spiel gegen uns. Och ja, machen wir mal 1-2 Stunden vorher heute den Saal zu. Kann ja dann im Notfallprogramm laufen...

Ich will hier auch keinesfalls einen Streit mit den Anästhesisten vom Zaun brechen, viele gute Freunde sind Anästhesisten. Und es geht um die Anästhesie hier im Haus. Habe es woanders auch anders erlebt.

Daß ich das Maß aller Dinge sein soll, glaube ich kaum. Ich bin ein kleiens Rädchen in einem großen Gesamtprozeß. Weiß auch nicht, wo ich behauptet habe, daß wir gegen Teamwork oder ähnliches sind, habe ich nicht so schreiben wollen, war nicht meine Absicht.

Aber mit mangelndem Teamwork hat es ja nicht zu tun, wenn ich mich darüber echauffiere, daß die Kollegin im Dienst und bei der Arbeit schläft, denn das finde ich schon hart. So kann man weder Leben retten noch zügig reagieren.

Ruft Ihr die Operateure/Lageristen an, wenn sich abzeichnet, daß es länger mit der Intubation dauert?

Doc Blog

Anonym hat gesagt…

Oh ja, die Chirurgen und die Anästhesie... die übliche Kissenschlacht übers Tuch hinweg... und manchmal auch darunter entlang.
Deswegen zuallererst: ja, ich bin genau einer von „denen“, die auf der anderen Seite der Blut-Hirn-Schranke ihre Freizeit so umtriebig gestalten...
Ehrlich gesagt, wirkt es auch trotz der Beteuerung kein allgemeines Anästhesie-Bashing zu betreiben, leider genau so: nämlich an dem Punkt, an dem behauptet wird, der Anästhesist habe einen 08/15-Job, werde von allen gehasst, als Freizeittäter beschimpft und über ihn gelacht… Denn: „die Anästhesie, wie ich sie tagtäglich erleben kann/darf/muss“ scheint bei Euch im Hause genau diese Reaktionen hervorzurufen: und da will ich auch nicht allgemein werden sondern kann ganz trocken und gezielt sagen: das ist chirurgisch engstirnig und unreflektiert der eigenen Situation, Wertigkeit und Stellung in der Gesamtsituation gegenüber (siehe ganz unten im Fazit)…
Einige Beispiele aus dem ach so langweiligen Leben eines Anästhesisten, der den „göttlichen Chirurgen“ nicht zu Füssen liegt, sondern zu Kopfe sitzt:
Wenn der chirurgische Assistent eine OP zum ersten Mal macht, dauerts eben ein bischen länger (übrigens beim 2ten und dritten Mal sicher auch!). Das ist allerdings aus Chirurgischer Sicht völlig in Ordnung und durchaus erwünscht… und letztlich auch in Ordnung und natürlich… Ignorant wird es allerdings dann, wenn ebenjener, der gerade länger gebraucht hat, bei der nächsten OP (wo er wiedermal nur der Hakenhalter ist) jedoch lauthals kräht, dass man wieder 30 Minuten auf den Sitz der Anästhesie warten musste.. .vielleicht war das ja auch ein Assistent, der die Sache unter Supervision zum zweiten Mal gemacht hat und dafür dank aufsteigender Lernkurve in 6 Wochen die „Durschschnittsgeschwindigkeit“ der Anästhesie erreicht hat…

Anonym hat gesagt…

Teil II

Und wehe der Patient hustet beim vorletzten Stich, wenn dann wider Erwarten doch der PJ dank der Gnade des Assistenten die Hautnaht machen darf ohne dass dies vorher kommunizeirt wurde: zu diesem Zeitpunkt befindet sich der gemeine Anästhesist in der „Landephase“. Und da ja immer eine „Punktlandung“ zum schnelleren Wechsel gefordert wird, wird hier bereits seit mehreren Minuten eine bei normalem Nahttempo zu erwartenende „Naht-Ende-Zeit“ angepeilt… die kann aber bei unangesagtem „Näher-Wechsel“ auch logischerweise nicht erreicht werden. „Spritz halt kurz was nach“ funktioniert aufgrund der Pharmakologie auch nicht immer so gut, so dass damit die Punktlandung versaut wird… aber dann wars eben eine schlechte Narkose…
Die Übliche Diskussion über die Temperatur im Saal: es muss kalt sein, damit die Keimbelastung sinkt! Bullshit! Die Temperatur kommt in den Hygienerichtlinien zum OP erst weit hinten, viel wichtiger wäre es, die verbale Kommunikation auf das notwendige Minimum im OP zu beschränken, da hier trotz Mundschutz nachweislich die meisten Keime verschleudert werden (und ja, den Schuh muss sich die Anästhesie sicher auch anziehen!). Was aber von (zumindest einem Teil unserer Chirurgen) nicht verstanden wird, ist dass bei niedriger Raumtemperatur trotz aller artifiziellen Wärmemassnahmen (Wärmedecke, Spiralwärmer etc) der Patient trotzdem wegen der peripheren Gefässerweiterung (wie im Vollrauch übrigens auch!) ausskühlen MUSS und dass bei 35Grad die Gerinnung auf die Hälfte (!) eingeschränkt ist… wenns mal wieder „so schweisst“

Wenn es „mal wieder“ eine Regionalanästhesie vor der Vollnarkose gibt… die ist doch völlig unnötig! Falsch! Dient sie doch einer suffizienten intra- und postoperativen Schmerztherapie… denn wie im Mittelalter ist es heutzutage eben nicht mehr so, dass Schmerzen einfach zur OP gehören… und mal vom Patientenkomfort abgesehen, die mittlere Verweildauer von Patienten mit Schmerzkathetern ist signifikant geringer und damit ist es (gerade im Zeitalter der DRGs essentiell) kosteneffektiver, im Vorfeld im Zweifel bei schwierigen Kautelen (ja, das gibt’s auch in der Anästhesie) auch mal 30 oder 40 min zu investieren… und ja, das postoperative Betreuen von Schmerzkathetern macht (wenigstens mir) keinen Spass! Ist aber trotzdem essentiell…

Anonym hat gesagt…

Teil III:

Stimmt, man sieht uns nur rumsitzen und „nicht arbeiten“… dass die „sichtbare“ Arbeit stattfindet, bevor die „echten“ Götter in den Raum schweben, können sie aufgrund fehlender Physischer Präsenz nicht sehen… und bei „das bischen Schnorchel reinstecken ist ja halb so wild“ möchte ich nur an den unerwartet schwierigen Atemweg erinnern, der für den Patienten aufgrund des pharmakologisch induzierten Atemstillstandes nicht ganz ohne ist… und während der OP, da sitzen wir nicht dumm rum und drehen Däumchen, da wird (leider unsichtbar) mental gearbeitet… der Patient stabil gehalten und dem Chirurgen optimales Arbeiten ermöglicht… und der Tisch verstellt… und eines muss ich ganz deutlich sagen: Schlafen am Arbeitsplatz geht gar nicht!!! Völlig indiskutabel! (aber auch ich hab schon einen zweiten Assistenten beim Hakenhalten einschlafen sehen…)
Und wenn wir den OP „pünktlich“ verlassen, dann ist der Arbeitstag nicht vorbei, dann heissts die Patienten des Programms des Folgetages prämedizieren und absetzen… (selbstverständlich mutwillig und aus nachvollziehbarer Tendenz zur optimalen Freizeitgestaltung (man hat ja den morgigen Nachmittag schon privat verplant)).
Und ganz ehrlich: wer ist denn nicht froh, wenn bei einem Herzalarm endlich der Anästhesist da ist, die(Klugscheissmodus an)bis dahin insuffiziente(Klugscheissmodus aus) Maskenbeatmung und das Kommando übernimmt, den Patienten intubiert und sich um den Intrahospitaltransfer auf die Intensiv kümmert?
Und nun die „gesammelten chirurgischen Werke“ von gestern:

Casus 1:
panischer Anruf des chirurgischen Assistenten kommt: die nächste Patientin hat eine gesicherte aktive Hep C… weil im Labor der (oftmals falsch positive) HCV-Test reaktiv ist und die PCR noch nicht fertig… die Leberwerte bis auf ein Bili von 1,2 aber völlig blande… die Frau hat höchstens den V.a. eine Hep C… und vorsichtig sollten wir alle sein… nur Pferde scheu machen ist sinnlos… ok, der eine oder andere im Gesamtapparat mag so beschränkt sein, dass er nur vorsichtig ist, wenn es auf diese Art und Weise verdeutlicht wird…

Anonym hat gesagt…

Teil IV:

Casus 2:
Beim Abwaschen der lap. Galle wird vom Operateur eine Narbe an genau der Stelle einer offenen CHE entdeckt… auf Nachfrage weiss auch der Assistent nichts davon… sagt mal, wer von Euch Operateuren hat denn den Patienten überhaupt angeschaut und untersucht?
Kaum haben wir reingeschaut, fängt das Frage und Antwort-Spiel zwischen Operateur und Anästhesist an:
„Uiuiui, die Leber schaut gar nicht gut aus! Säuft die?“ (Hm, wessen Aufgabe ist die Anamnese bei Aufnahme?)
„Sie hat nichts angegeben.“
„Bestimmt! So wie die aussieht! Gibt’s da Befunde?“ (Äh, schaut man sich die nicht vor der OP an?)
„Ja, von den internistischen Kollegen (die die Patientin wegen der akuten Galle dann zu den Chirurgen verlegt haben) mit dem V.a. auf eine primär billiäre Zirrhose bei positiven antimitochondrialen Antikörpern“
„Aha“
5 min später:
„Der ductus cysticus sieht komisch aus. Gibt’s da was?“
„ja ein OBS, Gallengänge normalweit“ (Hat wohl auch keiner angesehen…)
„Nee da stimmt was nicht! Hat die n Stent? Ist die ERCPiert worden?“
„Nein, die Internist haben die ERCP vorgeschlagen aber chirurgischerseits wurde die CHE bevorzugt.“
„Ist die eigentlich weich?“
„JA!“ (Fettgewebe lässt sich nicht relaxieren!!!)
„Die atmet doch!“
„Nein, das ist die Maschine.“ (Gott sei dank, sonst könnten wir ja alle heimgehen)
„Aha“

etliche Minuten später nachdem die Galle draussen ist:

„Oh!“
„Was?“ (alarmierter Anästhesist)
„Wo ist denn der Bergebeutel?“

NEIIIN! Wenns mal wieder länger dauert… der fand sich übrigens 20 min und 2 weitere Trokar-Schnitte später tief im Douglas wieder… wie auch immer der dahingekommen ist… im Zweifel wars die Anästhesie: durch die Beatmung nach unten gedrückt…


Und nein, auch ich wollte nicht verallgemeinern, alles Beispiele aus meiner aktuellen Wirkstätte...

im Übrigen schimpft sich ein Orthopäde mein "bester Freund" und ich bin mit einigen Chirurgen befreundet...

Fazit: Dämliches Kriegsbeilausgegrabe: Wir sind keiner Dienstleister für den Anderen! Ein bischen mehr Verständnis für nicht zwingend augenscheinliche „Probleme“ des Anderen führen dazu, dass wir alle unseren Job, nämlich Dienstleister des Patienten zu sein (!) mit mehr Spass an der Freude machen können… ein bischen Gefrotzel über die Tücher bei generell freundlichem und kollegialem Umgang miteinander haben noch niemandem geschadet… Dann machts sogar Spass, mit dem Job Geld zu verdienen…

Doc Blog hat gesagt…

Im Moment habe (vielleicht nur) ich den Eindruck, daß in unserem Haus eine Art Kleinkrieg gegen die Chirurgen ausgeführt wird, denn so, wie es sich jetzt darstellt, habe ich es in noch keinem Haus erlebt.

Ich finde es natürlich vollkommen legitim, anständig und notwendig, daß die anästh. Assis bei Ersteingriffen die Zeit bekommen, die sie dafür brauchen. Meine Frage war eben, ob ich dann wirklich 30-45 Minuten daneben stehen und abwarten muss, während ich auf Station vielleicht noch 2-3 Dinge erledigen könnte. Auch in der Anästhesie kann man sicher abschätzen, wieviel länger dieser Eingriff dann dauert und könnte den chirurg. Ass informieren.

Denn nur darum geht es, Information, miteinander reden. Anstatt uns mal zu fragen oder rechtzeitig Bescheid zu geben, wird über unseren Kopf entschieden, abgesetzt etc.

Ich sage nicht, daß das Absetzen nicht indiziert ist, aber man sollte es uns dann auch sagen. Zeitnah. Oder sagen, wenn die Intubation länger dauert.

In unserem Haus ist es übrigens so, daß die Prämedikation zeitgleich zu den OPs läuft, d. h. wer zu off. Dienstende im OP abgelöst wird oder fertig ist, kann direkt nach seiner Übergabe nach Hause.

Und Schmerzkatheter halten alle Chirurgen für eine phantastische Erfindung, was ich selbst aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Können einem das Leben echt erleichtern.

Das ganze scheint ein nicht unerhebliches Reizpotential zu beinhalten, dessen ich mir wohl nur vage bewußt war.
Insofern bereuhe ich meine halbpolemisch - in Anbetracht der gestrigen Erfahrungen - überspitzt angebrachten Kommentare.

Ich ziehe meinen Hut vor der Anästhesie, NEF möchte ich selbst nicht fahren, sie legen Braunülen bei den Pat., wo wir scheitern, können EKGs lesen und helfen uns intraop., wo wir nur können. Das meine ich vollkommen ernst und nicht ironisch.

Aber die Anäs meines Hauses haben es gestern geschafft, mich zur Weißglut zu bringen.

Aber es handelt sich hier NICHT um einen allgemein angelegten Angriff gegen die Anästhesie oder den Beginn eines Kreuzzuges.

Doc Blog

Jogurtbecher hat gesagt…

Mhh ihr solltet wirklich mal den Kleinkrieg lassen und versuchen zusammen zuarbeiten. Für die Patienten und gegen die beschissene Personalpolitik.

Ich hab schon selbst erlebt wie arrogant Chirugen gegenüber den Anästhesisten auftreten. So etwas schafft Frust.

Lora hat gesagt…

Weil Gott hat andere Pläne für dich!

drgeldgier hat gesagt…

Ein weiterer Beitrag im Grabenkrieg Chirurg - Anästhesist, der schon fast ein hundertjähriger Krieg zu sein scheint.

Hier zwei bemüht heitere Belege:

1) Der Witz über den Anästhesisten

Frage: Was passiert, wenn ein Anästhesist Viagra(r) schluckt?

Antwort: Es stehen 2 nutzlos rum

2) Der Witz über den Chirurgen:

Liest ein Chirurg ein Buch, ...

Zugegeben, beide nicht besonders niveauvoll, der Grabenkampf aber leider auch nicht. Wen wunderts? Außerhalb der Klinik gibt es genug andere Grabenkämpfe zwischen den Ärzten und Politik und Kassen lachen sich krank...

drgeldgier hat gesagt…

Auch wenn das Posting schon älter ist - ich muss leider "dienstarzt" Recht geben. Die Anästhesisten sind offensichtlich in vielen Krankenhäusern die Einzigen, die es so machen wie draußen in der gesamten Arbeitswelt die tariflich Angestellten.
Ich war auch so blöd und habe in meinen 10 Jahren Klinik hunderte und tausende von Überstunden geschoben, meist ohne jeglichen Ausgleich.

Dafür darm man aber nicht denjenigen die Schuld geben, die das nicht mit sich machen lassen.

Früher konnte man sich noch damit trösten, dass die Krankenhausphase eine Übergangszeit ist und man danach durch entsprechend mehr Geld als Niedergelassener entschädigt wird. Diese goldenen Zeiten sind für die Mehrheit der Ärzte jedoch längst Vergangenheit.

Doc Blog hat gesagt…

Ich gebe den Anästhesisten nicht die Schuld dafür, daß sie intelligenter ihren Beruf ausgesucht haben.

Aber wenn deren (ihnen zustehende) Freizeit dazu führt, daß wir bis zu 6 Überstunden machen müssen, finde ich, hört der Spaß auf.

Auch wenn man Anästhesist ist, und die Chirurgen wohl (zu Recht oder Unrecht) doof findet, sollte man doch ein bißchen Kollegialität zeigen und nicht eine einzelen Abteilung, nämlich die Chirurgie, so hängen lassen.

Und nochmal, es ging um eine einzelne in ihrem Dienst neben dem narkotisierten Patienten FEST schlafende Anästhesistin, die mir so negativ aufgestossen ist.
Das halte ich einfach weiterhin für unmöglich.

Doc Blog

Ava hat gesagt…

Puh, da ist aber viel Anästhesistenfrust :) Dann darf ich ja auch mal.

Älterer Beitrag, aber sehr unterhaltsam.

Gleich mal vorne weg, ich bin Chirurgin und bin von der Anästhesie in meinem Haus unfassbar genervt.

Wie Doc Blog sagte, die punktliche Pausenauslösung der Anästhesie geht wiederholt zu lasten der Chirurgie, die dann dan liegengebliebene Zeug bis weit in den Dienst hinein operieren muss.

Sprüche wie: "lasst und gaaaaanz langsam einleiten, dann muss der nächste Punkt der Dienst machen" kommen häufig. Super, der chirugische Dienst ackert in der Ambulanz, wer macht die OP? UND versorgt dann nach der OP noch die 30 Betten Station? ICH. Und der trödelnde Anästhesist geht um 15: 45h direkt aus dem Saal in den Feierabend.
Vielen Dank auch.

Der verkauft sich nicht unter Wert,stimmt.. ist aber ein Kollegenschwein, weil irgendwer muss die Arbeit halt machen.

Ich reanimiere im Patientenbad eine alte Lady, erste Amtshandlung vom Anästhesisten, der mit dem Herzalarm kommt? Mich anschreien, warum die Patientin noch keinen Zugang hat.

Ich stelle ein Schmerzkonsil aus für eine Patientin mit einem chronischen schmerzsyndrom und einer langen Geschichte des Medikamentenmissbrauchs, es kommen arrogante Sprüche darüber, dasss ich ja von nichts eine Ahnung hätte, typisch Chirurgie halt.

Es werden Witze darüber gemacht, wir hätten keine Ahnung von Physiologie, tja, mag sein, da bin ich nicht so firm drin. Dafür mach ich nicht ständig Witze darüber, dass die Anästhesie keine Ahnung hat, wie man einen diabetischen Fuß pflegt, eine Leistenhernie operieriert, koloskopiert, erkennt, wann ein pankreastumor inoperabel ist usw usw.

Die Stelle im Anästhesistenhirn, die mit Katecholamindoisierungen belegt ist, ist bei mir mit den Schritten, die für die Durchführung einer lap Galle benötigt werden, besetzt.

Und, was sehr sehr gerne von der Anästhesie vergessen wird, mein Arbeitsfeld beschränkt sich nicht auf den OP. ich habe eine Station, es gibt die Ambulanz, wir haben eine eigene Endoskopie, Sprechstunden usw...
jede Minute, die ich nutzlos und wartend im OP rumsitze geht mir auf den wecker, weil ich in der Zeit hätte was anderes machen können. Lasst euch bei der Einleitung soviel Zeit wie ihr nur wollt.Aber ruft mich nicht 45 min vorher an, weil der Paient ja jetzt eingeschleußt wurde und es deshalb meine heilige Pflicht zu sein scheint, euch beim Arterie-legen zuzukucken ist.

Sonst rufe ich an und lasse den Anästhesisten mal bei meinem nächsten 2h Polypabtragen-Marathon in der Kolo zuschauen, schießlich machen wir ja einen Propofol-narkose und die Geseltschaft für Anästhesie hat sich letztens noch geäussert, dass müsse ja ein Anästhesist überwachen.

Doc Blog hat gesagt…

Ohne das Thema wieder aufwärmen zu wollen, zeigt Avas Kommentar doch, daß ich zumindest nicht der einzige bin, der jammert.
Gute Entscheidung getroffen schön und gut, wir sind ja aus gutem Grund nicht anästhesist geworden, aber die eigene Freizeit auf dem Rücken anderer auszuexezieren, finde ich weiterhin nicht in Ordnung.

Doc Blog

DoctorX hat gesagt…

Leute kommt mal runter! Sowohl bei Anonym als auch bei Docblog sind zwei Leute frustriert wegen der jeweiligen "befreundeten" Abteilung, die die andere terrorisiert.
Vielleicht solltet ihr beide mal in der "befreundeten" Abteilung hospitieren. Keinem Aufschneider hat es bisher geschadet mal ne Runde im Schlafwagen mit zu fahren und mal ein bisschen Adrenalin zu spüren wenn der Patient fast abtritt, während die chirurgen nichts merkend Witze erzählen und der Gasdoktor kann auch mal ein bisschen Hakenknecht sein, das trainiert die Typ I Fasern (die Typ II Fasern sind ja nachweislich im Notfall gut trainiert) und man lernt eben auch mal wie schön abhängig man ist von ner guten Narkise so steril am Tisch.

Danach sieht man vielleicht mal über gewisse Banalitäten der Gegenseite hinweg.

Kormak hat gesagt…

Ah, was sind doch so alte Posts nett.

Geb ich eben auch noch meinen Senf dazu (Messer wetz).

Nee, mal im Ernst. Da sind viele Mißverständnisse dabei.

1.) Wenn die Einleitung mal länger dauert, dann ist das nicht immer planbar. Wir haben auch schon mal eine geschlagene Stunde versucht, den Patienten den Tubus endlich reinzujubeln. War am Ende sogar mit Bronchoskop nicht eben einfach.
Da WEISS ich nicht (und kann den Operateur auch nicht vorwarnen), daß es länger dauert.
Anders natürlich bei planbaren Sachen. Katheder, ZVKs, was es da alles gibt. Aber das kann man kommunizieren.
Wenn die OP mal länger dauert, sagt ja auch keiner was.

2.) "Hätte ein Anästhesist eben mal eine Überstunde gemacht".
Oh ja. Kenn ich. So wie die OP-Pläne gemacht werden unter manchmal völliger Mißachtung von Wechselzeiten gehts IMMER in die Überstunden. Fangen wir besser gar nicht erst an.
Erstens einmal endet für den Anästhesisten die OP nicht mit der Hautnaht.
Zweitens werden OP-Pläne oft genug so zugedrückt, daß es gar nicht gehen KANN. Alles schon erlebt. Und dann (in einem Haus) bis um Acht dagestanden, weil die Op, die ja nur "kurze 30 Minuten dauert" sich auf 4 Stunden ausgedehnt hat. Eine ELEKTIVE OP, wohlgemerkt. Kein Notfall.
Es kann nicht sein, daß eine Abteilung Überstunden für DREI andere Abteilungen plant. PLANT. Keine Notfälle. JEDEN Tag.

3.) Einstellung des OP-Tisches/Musik etc.
Mir persönlich ist kein OP bekannt, in dem die Einstellung des Tisches offizielle Aufgabe des Anästhesisten wäre. Aber man hilft ja gerne. Wenn man höflich fragt. Da wird auch mal die halbe Aufgabe des Springers übernommen.
Alles kein Problem. Aber anschnauzen lasse ich mich nicht.
Es gab schon Operateure, die bekamen nach solchen Aktionen gerade mal noch die Uhrzeit (zusätzlich zur Narkose, die natürlich tadellos), aber sonst nichts.
Wie man in den Wald hineinruft...
Wenns um den Patienten geht, ist es etwas anderes. Aber wann ist das denn wirklich so der Fall?

4.) Dokumentation.
Es WIRD dokumentiert, wenn der Operateur eine halbe Stunde nachdem der Patient im Saal ist antanzt. UND es wird dokumentiert, wenn die Einleitung länger dauert, weil etwas Unvorhergesehenes passiert. Geht gar nicht anders. KANN gar nicht anders sein.

Oh, ich könnte auch ewig weiter machen. Natürlich gibt es da zwei Seiten.
Und gewissermaßen ist der "Kleinkrieg" sogar gesund.
Ich habe sogar eine (kleine) chirurgische Vergangenheit.
Da ein bißchen Anästhesie niemand schadet, wäre es manchmal wünschenswert, wenn Chirurgen mal ein paar Tage in der Anästhesie verbringen.

Wir sitzen auch nicht auf der faulen Haut.

Das, was die Chirurgen sehen, ist der Anästhesist während der Narkose. Und wenn der seinen Job gut macht, und nichts Unvorhergesehenes passiert, dann HAT er da eben nichts zu tun. Er sieht NICHT den Anästhesisten bei der Einleitung, bei der Ausleitung, im Aufwachraum. Da sitzt er nämlich beim Kaffee und jammert über die Anästhesie, die so lange braucht und daß er in der Zeit auch etwas anderes hätte tun können.

Wie gesagt, diese Kleinkriege sind GUT.
Sie haben ihre Vorteile.

Ich habe erlebt, wie es ist, wenn diese Kleinkriege NICHT stattfinden (Grund war die gemeinsame Adresse der beiden Chefs der Abteilungen).

Und DANN arbeiten nicht nur alle Anästhesisten bis in die Puppen in allen Säalen, sondern auch die Chirurgen.

Und dann ist bei dem momentanen Arbeitsmarkt ganz schnell ein Saal zu wegen Personalmangel.

Sorry, wenn das etwas in einen "Rant" ausartete... Mittlerweile juckt mich das nicht mehr. Meine Überstunden sind TEUER.
Und wenn ich keine Zeit habe, welche zu machen, dann setze ICH OPs ab.

Kormak