Mittwoch, 22. Oktober 2008

Über andere Gesundheitssysteme

Ich befinde mich ja immer noch im Urlaub, musste mich aber in letzter Zeit aus aktuellem Anlass auch wieder mit medizinischen Dingen beschäftigen. Kenne ja leider immer noch keinen Arzt hier, den ich über die hiesigen Gepflogenheiten genau ausquetschen könnte. Vielleicht morgen, wenn/falls ich mit ins Krankenhaus gehe.
Mein Onkel soll sich morgen einer von langer Hand geplanten elektiven Operation unterziehen. Im Gegensatz zu Deutschland wird diese kleine Sache sogar als ambulante Geschichte laufen (zumindest wüsste ich nicht, dass chirurg. Kliniken in D das ambulant machen würden).

Heute kamen wir wieder auf dieses Thema zu sprechen. Einen Arzt hat er nur einmal ganz kurz zu Gesicht bekommen, als dieser die Indikation stellte. Ich fragte ihn dann nach seiner OP-Aufklärung und er meinte, ja die hätte er unterschrieben. Ja, schon klar, aber wurde er auch aufgeklärt? Ich frage das nur, weil meine Aufklärungen immer ewig viel Zeit in Anspruch nehmen.

Aufklärung? Wie? Was?
Nein, es wurde ihm nur der Bogen zur Unterschrift hingelegt, unterschreiben Sie hier und wir operieren Sie, oder Sie lassen es bleiben! Da war ich erstmal baff.

Theorie meiner Tante war, dass er vielleicht morgen früh aufgeklärt wird, nach der Anästhesistenaufklärung. Wie? Anästhesiologisch ist er also auch noch nicht aufgeklärt worden? Die Tatsache, dass in D zwischen Aufklärung und Unterschrift 24 Stunden und eine Nacht liegen müssen, ist hier gänzlich unbekannt.

Theorie meines Onkels war, dass keine Aufklärung erfolgte, weil er ja selber weiß, dass Blutungen und Infektionen passieren können.

Hmm, sicher kann ich davon ausgehen, dass 90% meiner Appendizitis-Patienten wissen, dass es zu Infektionen und Blutungen kommen kann. Von einer Peritonitis werden aber 90% noch nie etwas gehört haben, von den möglichen Folgen einer Bauchfellentzündung und den Revisions-OPs ganz zu schweigen. Und was ist mit Bauchdeckenabszeß? Der Notwendigkeit eines (temporären) Anus praeters (man weiß ja nie)? Und dem allseits beliebten TET (Thrombose, Embolie, Tod)? Jeder meiner App.-Patienten hat die komplette Aufklärung bis jetzt bekommen. Und das wäre ja sogar noch relativ zu sehen, weil man Appendizitis als Notfall-OP laufen lassen könnte.

Aber hier? Gar nix an Aufklärung. Null! Kann das sein?

Was zu einer weiteren wichtigen Frage führt.
Was machen die Ärzte hier eigentlich?

Blutabnehmen und Braunülen legen machen (wie in jedem anderen Land außer D) natürlich die Schwestern (und muss ich erwähnen, dass zur Erlangung des Doktortitels keine Doktorarbeit nötig ist)? Auch Ultraschall und Co. werden durch Ultraschallspezialisten (die keine Ärzte sind) durchgeführt. Aufklärungen fallen ja wohl auch weg. Und angeblich werden die Arztbriefe auch nicht von den Ärzten gemacht (bin ja mal gespannt, ob er morgen was mitbekommt). Also wirklich, womit verbringen die Ärzte hier ihre Zeit? Langweilen die sich nicht?

Was würde ich machen, wenn all das lästige Blutabnehmen, Dokumentieren und Aufklären wegfallen würde? Wäre das wirklich ein Paradies für Chirurgen? Würde ich dann tatsächlich meine Zeit nur noch mit Operieren verbringen dürfen abgesehen von Indikationsstellungen? Zu schön, um wahr zu sein.

Vielleicht hat mich das ganze deswegen so sauer gemacht? Ich persönlich halte nämlich die Aufklärung für eine der wichtigsten ärztlichen Tätigkeiten. Immerhin sind wir invasiv am Pat. tätig, der uns voll und ganz vertraut. Wir schulden ihm doch die Aufklärung. Sonst kann er uns doch nicht vertrauen können, wenn wir ihm nicht alles, aber auch wirklich alles darüber erzählen? Oder liege ich damit falsch?

Und ist das der Grund, warum dies hier gar nicht wirklich wichtig genommen wird und die Ärzte tatsächlich nur medizinische Tätigkeiten wahrnehmen und wahrscheinlich über ihre deutschen Kollegen lachen. Die Ärzte scheinen zumindest mit ihrer Methode hier sehr gut zu fahren. Sowohl was die monetäre Schiene angeht als auch die Arbeitsbelastung betrifft.

Auf meine Frage, was die Ärzte hier denn machen, antwortete mein Onkel übrigens: "Na, sie schneiden mich auf, das ist doch was."

Ja, und da liegt dann wohl der Unterschied zu einem deutschen chirurg. Assistenzarzt.

Doc Blog

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wo bist du denn wenn man fragen darf?

Hypnosekröte hat gesagt…

Andere Länder, andere Sitten, mehr fällt mir dazu nicht ein.

Wahrscheinlich ist der Arzt da noch der "Halbgott in Weiß" dem blind vertraut wird, "Informed Consent" dürfte ein Fremdwort sein.

Und die Rechtsprechung bei Klagen Pat -> Arzt wird ihr übriges dazu tun, das es so läuft, wie es läuft.

Ich würde jetzt aber auch gern mal wissen, wo Du dich rumtreibst...

Südamerika haben wir ja schon, Argentinien und Brasilien sind es nicht, aber es ist ein Land mit Küste...

Peru? Ecuador? Chile? Kolumbien? Venezuela? Uruguay? (Frz.-)Guyana? Surinam? Guatemala? Panama? Costa Rica? Nicaragua? Belize? T&T? Kuba? Oder ein anderer der "Südsee-Inselstaaten?

Wenn Dir richtige Antwort dabei ist, gewinne ich selbstverständlich eine Reise in ebenjenes Land! ;)

Doc Blog hat gesagt…

Alles Länder, in die ich gerne mal reisen würde, keine Frage.
Aber mit meiner vorigen Antwort Ziele in Südamerika seien gar nicht "so weit weg" von meinem Aufenthaltsort, meinte ich nur, es ist näher dran, als z. B. Thailand.

Bin deutlich nördlicher als Chile, aber auch deutlich südlicher als München.

Übrigens gab es nach der OP natürlich keinen Entlassungsbrief, nur einen Bogen, auf dem angekreuzt war, was er darf, was er tun soll und den nächsten Sprechstundentermin in 3 Wochen...

Lol, Reise hierhin gewinnen ist gut. Wenn's einen denn tatsächlich hierhin zieht...
Bin jetzt übrigens auch gerade wieder an der Küste (einer der). Wetter ist sonnig, aber die Temperaturen haben etwas nachgelassen leider.

Doc Blog